
Schwanger mit über 40:
Was die Zahlen wirklich sagen
Warum prominente Beispiele Mut machen – und trotzdem ein verzerrtes Bild erzeugen
Vielleicht haben Sie es auch gelesen: Eine bekannte Schauspielerin bekommt mit 46 ihr erstes Kind. Eine Sängerin mit 48 Zwillinge. Immer wieder tauchen solche Meldungen auf – und sie hinterlassen einen Eindruck, der sich festsetzt: Es geht ja offenbar doch noch.
Diese Meldungen machen Mut. Und das ist gut so. Wir erleben in unserer Praxis täglich, wie viel Kraft es kostet, einen Kinderwunsch über Jahre zu tragen. Jede Geschichte, die Hoffnung gibt, hat ihren Wert.
Gleichzeitig gehört es zu unserem Selbstverständnis, ehrlich zu sein. Und ehrlich betrachtet erzeugt die Art, wie über späte Schwangerschaften berichtet wird, ein Bild, das mit der medizinischen Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Genau das möchten wir in diesem Beitrag einordnen – ohne Dramatik, ohne Zeigefinger, aber mit den tatsächlichen Zahlen.
Was tatsächlich stimmt
Fangen wir mit dem an, was zutrifft: Frauen in Deutschland bekommen später Kinder. Das ist keine Wahrnehmung, das ist belegt.
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Geburtenstatistik 2024 – destatis.de.
Anfang der 1970er-Jahre waren Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt etwa 24 Jahre alt. Im Jahr 2024 waren es 30,4 Jahre. Und rund jede fünfzehnte Geburt in Deutschland entfällt heute auf eine Frau ab 40.
Diese Entwicklung hat viele gute Gründe: Ausbildung, berufliche Entwicklung, der passende Partner, wirtschaftliche Sicherheit. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, dass das Leben nicht dem Zeitplan der Biologie folgt.
Ein Detail wird dabei aber selten erwähnt: Die absolute Zahl der Geburten von Frauen ab 40 steigt aktuell nicht – sie ist in den letzten Jahren sogar leicht gesunken. Der Anteil steigt nur deshalb, weil insgesamt weniger Kinder geboren werden. „Immer mehr Frauen über 40 bekommen Kinder" ist also, genau genommen, nicht richtig.
Was wir sehen – und was wir nicht sehen
Wenn eine prominente Frau mit Mitte 40 eine Schwangerschaft bekannt gibt, sehen wir das Ergebnis. Was wir praktisch nie erfahren, ist der Weg dorthin.
Waren es eigene Eizellen, die Jahre zuvor eingefroren wurden? War es eine Eizellspende – die in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz nicht erlaubt ist, im europäischen Ausland aber verbreitet? War es eine Behandlung über viele Zyklen, mit Fehlgeburten dazwischen? Oder tatsächlich eine spontane Schwangerschaft, wie sie in diesem Alter selten, aber möglich ist?
Wir wissen es nicht. Und das ist auch völlig in Ordnung – wie ein Kind entstanden ist, geht die Öffentlichkeit nichts an. Wir möchten ausdrücklich keinen dieser Wege bewerten. Es gibt viele Wege, eine Familie zu gründen, und alle sind legitim.
Das Problem liegt woanders: Wenn ausschließlich das Ergebnis sichtbar ist und nie der Weg, entsteht Stück für Stück ein Bild von natürlicher Fruchtbarkeit, das nicht stimmt. Und dieses Bild beeinflusst Entscheidungen – oft, ohne dass es den Betroffenen bewusst ist.
Es ist nicht die einzelne Schlagzeile, die schadet. Es ist die Summe aus vielen Schlagzeilen, in denen der medizinische Hintergrund konsequent fehlt.
Genau das begegnet uns in der Sprechstunde: Paare, die ehrlich überrascht sind, wenn wir die realistischen Chancen benennen. Nicht, weil sie sich nicht informiert hätten – sondern weil das öffentliche Bild ein anderes ist.
Die medizinische Wirklichkeit
Für Kinderwunschbehandlungen in Deutschland gibt es eine belastbare Datenquelle: das Deutsche IVF-Register, an dem nahezu alle Kinderwunschzentren teilnehmen – auch wir. Dort wird jedes Jahr ausgewertet, wie viele Behandlungen tatsächlich zu einer Geburt führen.
Lebendgeburtenrate je Embryotransfer
Fehlgeburtenrate
Orientierungswerte nach dem Jahrbuch 2024 des Deutschen IVF-Registers – deutsches-ivf-register.de. Durchschnittswerte über alle Behandlungen, gerundet – keine individuelle Prognose. Altersangaben in Jahren.
Die Zahlen zeigen sehr deutlich: Ab etwa 35 Jahren sinken die Chancen kontinuierlich, ab 40 beschleunigt sich dieser Verlauf spürbar. Jedes einzelne Lebensjahr macht in diesem Bereich einen Unterschied.
Parallel dazu steigt die Fehlgeburtenrate. Bis Mitte 30 liegt sie unter 20 Prozent, mit 40 bei etwa einem Drittel – und jenseits der 45 sehr deutlich darüber. Auch das gehört zu einer ehrlichen Beratung dazu, so unangenehm es sich liest.
Der wichtigste Grund dahinter liegt in der Eizelle selbst. Mit den Jahren steigt der Anteil der Eizellen, die chromosomal nicht korrekt angelegt sind. Aus ihnen können zwar Embryonen entstehen, doch sie nisten sich seltener ein oder führen früh zu einer Fehlgeburt. Nicht die Zahl der Eizellen ist also das eigentliche Thema, sondern ihre Qualität.
Orientierungswerte nach Franasiak et al. (2014), Fertility and Sterility – doi.org. Rundungswerte, keine individuelle Prognose.
Ein Hinweis zur Einordnung: Diese Zahlen erklären, warum die Chancen mit dem Alter sinken – sie sind kein Aufruf zu einer Untersuchung der Embryonen. Eine chromosomale Untersuchung von Embryonen ist in Deutschland nach § 3a Embryonenschutzgesetz nur in eng begrenzten Ausnahmefällen erlaubt; das Alter allein ist ausdrücklich keine Indikation.
Und schließlich: Eine Schwangerschaft jenseits der 40 ist medizinisch anspruchsvoller. Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes und Frühgeburtlichkeit treten häufiger auf. Das bedeutet nicht, dass eine solche Schwangerschaft gefährlich ist – sie wird aber engmaschiger begleitet.
Warum das Alter nicht alles ist
Und jetzt kommt der Teil, der uns am wichtigsten ist: Diese Zahlen sind Durchschnittswerte. Sie beschreiben eine große Gruppe – nicht Sie.
Wir sehen in der Praxis Frauen mit 42, deren Ausgangssituation deutlich besser ist als der Durchschnitt. Und wir sehen Frauen mit 36, bei denen mehrere Faktoren zusammenkommen. Das Alter ist der stärkste einzelne Einflussfaktor – aber eben nur einer von mehreren.
Eine gesunde Eizelle kennt das Alter kaum
Das klingt vielleicht überraschend, ist aber wissenschaftlich gut belegt: Wenn sich ein chromosomal gesunder Embryo entwickelt, hängt seine Chance, sich einzunisten, kaum noch vom Alter ab. Eine 42-Jährige hat mit einem solchen Embryo eine ähnliche Aussicht wie eine 32-Jährige.
Das Alter entscheidet vor allem darüber, wie aufwendig es ist, überhaupt zu einer gesunden Eizelle zu kommen – nicht darüber, ob diese sich dann einnistet. Genau deshalb ist eine individuelle Einschätzung so viel aussagekräftiger als jede Alterstabelle.
Die individuelle Eizellreserve
Zwei Frauen im gleichen Alter können eine sehr unterschiedliche Eizellreserve haben. Sie lässt sich über den AMH-Wert und die Zählung der antralen Follikel im Ultraschall abschätzen.
Gerade wenn eine künstliche Befruchtung im Raum steht, ist das ein zentraler Punkt: Die Eizellreserve bestimmt maßgeblich mit, wie viele Eizellen sich in einem Behandlungszyklus gewinnen lassen – und damit, wie realistisch es ist, überhaupt zu einem Embryotransfer zu kommen. Eine deutlich verminderte Reserve ist deshalb ein eigenständiger, relevanter Faktor für die Prognose, unabhängig vom Alter.
Wichtig dabei: Ein niedriger AMH-Wert sagt etwas über die Anzahl der verbliebenen Eizellen aus, nicht über ihre Qualität – und er ist kein Urteil. Er ist eine Information, die in die Planung einfließt.
Vorerkrankungen
Eine Endometriose kann die Eizellreserve beeinträchtigen, die Eileiterfunktion stören und die Einnistung erschweren – je nach Ausprägung sehr unterschiedlich stark. Auch Myome, Verwachsungen nach Operationen, Schilddrüsenerkrankungen, ein PCO-Syndrom oder Gerinnungsstörungen spielen eine Rolle.
Der entscheidende Punkt: Viele dieser Faktoren sind behandelbar oder zumindest beeinflussbar. Sie zu kennen, verändert die Strategie.
Das Alter des Partners
Über die männliche Fruchtbarkeit wird deutlich seltener gesprochen – zu Unrecht. Auch bei Männern verändert sich mit den Jahren die Spermienqualität, insbesondere die DNA-Integrität der Spermien. Das kann sich auf die Befruchtungsrate, die Embryonalentwicklung und das Fehlgeburtsrisiko auswirken.
Deshalb gehört zu jeder Kinderwunsch-Abklärung bei uns von Anfang an eine Untersuchung beider Partner. Alles andere wäre nur eine halbe Diagnostik.
Die bisherige Vorgeschichte
Ob bereits eine Schwangerschaft bestanden hat, wie viele Behandlungszyklen vorausgegangen sind und wie der Körper darauf reagiert hat – all das fließt in die Einschätzung ein. Zwei Frauen mit identischem Alter und identischem AMH-Wert können nach drei erfolglosen Zyklen völlig unterschiedliche nächste Schritte brauchen.
Was das für Ihre Entscheidung bedeutet
Wir schreiben diesen Beitrag nicht, um Druck zu erzeugen. Und ganz sicher nicht, um jemanden zu verurteilen, der später anfängt – diesen Zeitpunkt sucht sich niemand allein aus.
Wir schreiben ihn, weil Entscheidungen besser werden, wenn die Grundlage stimmt.
Dazu gehört auch eine ermutigende Beobachtung: Eine Behandlung ist selten mit einem einzigen Versuch entschieden. Über mehrere Embryotransfers hinweg summieren sich die Chancen deutlich.
Jahrbuch 2024 des Deutschen IVF-Registers – deutsches-ivf-register.de. Durchschnitt über alle Altersgruppen, nicht nach Alter aufgeschlüsselt.
Wichtig zur Einordnung: Diese kumulativen Werte sind ein Durchschnitt über alle Altersgruppen und nicht nach Alter aufgeschlüsselt. Für Frauen über 40 liegen sie spürbar niedriger. Die Grundaussage bleibt jedoch bestehen: Ausdauer verändert die Gesamtchance.
Wenn Sie über 40 sind und sich ein Kind wünschen: Ihre Situation ist individuell. Die Statistik beschreibt eine Gruppe, nicht Sie. Eine sorgfältige Abklärung sagt Ihnen deutlich mehr über Ihre persönlichen Chancen als jede Prozentzahl im Internet.
Wenn Sie unter 40 sind und den Kinderwunsch noch aufschieben: Das ist Ihre Entscheidung, und sie ist legitim. Es lohnt sich aber, sie informiert zu treffen. Ein Gespräch über Ihre Eizellreserve kostet Sie einen Termin – und kann Ihnen Jahre später sehr viel Unsicherheit ersparen.
In beiden Fällen gilt: Kommen Sie lieber einmal zu früh als einmal zu spät. Ein Erstgespräch verpflichtet zu nichts.
Gut zu wissen
Die genannten Zahlen stammen aus dem Statistischen Bundesamt (Geburtenstatistik 2024), dem Jahrbuch 2024 des Deutschen IVF-Registers sowie aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Eizellqualität. Sie beschreiben Durchschnittswerte und können einzelne Jahre leicht über- oder unterschreiten. Ihre persönliche Prognose lässt sich daraus nicht ableiten – dafür braucht es eine individuelle Untersuchung. Alle Quellen finden Sie am Ende dieses Beitrags.
Sprechen wir darüber
Wenn Sie sich fragen, wo Sie persönlich stehen: Genau dafür sind wir da. In einem Erstgespräch schauen wir uns Ihre Situation gemeinsam an – ohne Zeitdruck und ohne Verpflichtung. Für Paare, die nicht aus der Region kommen, bieten wir das Erstgespräch auch als Videosprechstunde an.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Geburten in Deutschland, 2024. – destatis.de
- Deutsches IVF-Register (DIR): Jahrbuch 2024 – Erfolgs-, Fehlgeburten- und kumulative Raten. – deutsches-ivf-register.de
- Franasiak J. et al. (2014): The nature of aneuploidy with increasing age of the female partner. Fertility and Sterility. – doi.org
- Matorras R. et al. (2024): Lessons learned from 64.071 embryos subjected to PGT for aneuploidies. Reproductive BioMedicine Online. – rbmojournal.com
- Embryonenschutzgesetz § 3a (Präimplantationsdiagnostik). – gesetze-im-internet.de
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